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Sinnkrise (4)

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Durch den Wind dringt das Tuten an mein Ohr. Unten auf der Straße ziehen die wenigen Autos ihre kurzlebigen Lichtspuren durch die Nässe des vergangenen Regens.
Ich presse das Telefon dichter an mein Ohr, um besser hören zu können, aber da ist nur das Tuten.
„Ja?“ meldet sich eine desorientierte Stimme.
„Ich bin’s.“
„Was?“
Ein kurzes Gähnen.
„Ich sagte, ich bin’s.“
„Scheiße, weißt du, wie spät es ist? Warum rufst du mich mitten in der Nacht an? Verdammt, ich muss Morgen früh raus. Was willst du?“
„Hast du Zeit?“
„Nein. War’s das?“
„Außer dir würde niemand kommen.“
„Bist du besoffen? Geh schlafen! Gute Nacht.“
„Nein, bitte leg nicht auf.“
„Ich habe jetzt keine Zeit für so was. Geh schlafen.“
„Ich bin auf einem Dach.“
„Wo?“
„Auf einem Dach.“
„Was machst du nachts auf einem Dach? Was für ein Dach überhaupt?“
„Ich gucke runter. Man kann fast über die ganze Stadt sehen von hier oben. All die Lichter da unten. Irgendeins von denen, da bist du. Die Nacht ist zum Schlafen, aber wenn du dich mal umsiehst, dann merkst du, dass da kaum mehr eine Nacht ist, kein Schlaf.“
„Hast du was genommen?“
Ein Krankenwagen mit Sirene rast vorbei. Sein flackerndes Blaulicht wirft blaue Schatten und Muster auf die Häuserwände. Irgendwie geht manchmal alles schief, obwohl man alles vorher so sorgfältig geplant hat. Oder man hat nicht geplant, sondern nur gehofft. Trotzdem geht alles schief. Das Leben ist eine Aneinanderreihung von Enttäuschungen und Misserfolgen.
Ich halte den Hörer von mir weg.
„Bist du noch dran?“ höre ich eine leise Stimme.
„Ja“, sage ich in die Nacht.
„Ich kann dich kaum verstehen. Wo bist du denn?“
„Auf dem Dach.“
„Auf welchem Dach?“
„Auf einem hohen Dach.“
Ich halte das Telefon wieder an mein Ohr.
„Willst du dich umbringen, oder was?“
„Ich weiß nicht. Glaubst du, das würde was ändern?“
Ich höre das Klacken einer Tür, eine Frauenstimme sagt etwas im Hintergrund. Sie ist müde und will wissen, mit wem ihr Mann zu so einer Uhrzeit spricht. Er hält den Hörer zu und antwortet ihr.
„Sag ihr hallo von mir“, sage ich ins Telefon.
„Nein, sie geht wieder ins Bett.“
„Aber du bist noch dran.“
„Ja, aber frag mich nicht warum. Ich bin kein Scheißsorgentelefon, also sag mir endlich, was los ist und wo du steckst.“
„Im Gefängnis.“
„Quatsch, ich kann doch den Wind hören.“
„Und? Es gibt solche Gefängnisse und solche…“
„Jetzt red keinen Unsinn. Wenn du nur Scheiße laberst, leg ich auf.“
„Ich mein ja nur.“
Für eine Weile sagen wir beide nichts.
Manchmal ist das Leben ein Film und man kann sich ein Drehbuch dazu vorstellen. So wie bei einem Verkehrsunfall. Alles passiert in Zeitlupe, dann steigen die Stuntmen aus den zerquetschten Wracks. „Gar nicht so schlecht, aber es muss noch besser gehen“, sagt der Regisseur. „Machen wir’s noch mal.“
Meine Regieanweisungen für diesen Moment wären so: Das Bild ist vollkommen schwarz, nur leichter Regen und entfernte Verkehrsgeräusche sind zu hören. Langsam werden Formen sichtbar, ein Panoramablick über die Dächer einer Stadt. Es ist Nacht. Man sieht Schweinwerfer, Laternen und Leuchtreklame. Der Himmel ist nicht ganz schwarz, eher schmutzig grau, voller träger dünner Wolken, aus denen dünne Regenfäden herausfließen. Rückansicht einer Gestalt auf dem Dach eines Hochhauses, man sieht nur eine schwarze Silhouette vor dem grauen Himmel.
Ich sage ihm, wo ich bin. Er will vorbeikommen.
„Gut“, sage ich, „ich warte hier.“
Nach etwa einer halben Stunde ist er da. Die Tür zum Dach quietscht in den Angeln, seine Schritte knirschen im Kies, der hier aus irgendeinem Grund liegt. Er stellt sich neben mich, sagt kein Wort.
Dann sagt er:
„Du hast Recht, die Aussicht ist fantastisch.“
„Wie bist du hier raufgekommen, mitten in der Nacht?“ frage ich ihn.
Er zuckt die Schultern.
„Weiß nicht. Und du?“
„Keine Ahnung.“
Es ist wie damals in der Schule, wenn der Mathelehrer irgendeine Formel an die Tafel schrieb. „Was soll das bedeuten?“ fragt einer. „Keine Ahnung“, sagt der andere. Und wir fanden uns damit ab, dass wir zu zweit auch nicht wussten, was das alles sollte.
In der Schule sollte man lauter wichtige Dinge für das spätere Leben lernen. Tatsächlich lernte man nur, dass man sein Leben lang keine Ahnung hat, was passiert. Lebenslanges Lernen heißt das.
„Du rauchst wieder“, sagt er.
„Ja, ab und zu.“
„Dann gib mir auch eine.“
Wir stehen auf dem Dach eines Hochhauses, rauchen und sehen herunter auf die Welt, die wir nicht verstehen. Die Welt, die schlafen sollte, aber es einfach nicht tut.
Lange Zeit stehen wir einfach nur da, rauchend, jeder allein mit seinen Sorgen. Das ewige Kreisen um unser Wegwerfleben voller aufpolierter Nutzlosigkeiten, die jeden Monat in einer neuen Ausführung erhältlich sind. Er legt mir eine Hand auf die Schulter wie ein Vater. Die Kälte kriecht das Synthetikmaterial meiner Sommerjacke entlang. Ich schnippe die Kippe in den Abgrund.
„Die sollen tödlich sein“, sage ich.
„Darum kaufen die Leute sie“, sagt er.

Ob irgendwo auf der Welt zwei Menschen so ähnlich denken wie wir? Wahrscheinlich. So verschieden, wie man immer sagt, sind wir gar nicht.
„Ziemlich viel Scheiße, die man so mit sich rumschleppt“, sagt er.
„So viel, dass man zu seiner Beerdigung eigentlich einen Lastwagen bräuchte.“
„Ja.“
Irgendwo auf diesem Planeten stehen zwei Menschen wie wir, die einfach den Faden verloren haben, und sich fragen, warum sie noch hinter dem Ende herlaufen, das im ewig zuckenden Knäuel verschwindet. Als würde irgendein Arschloch einfach deinen Faden aufwickeln, immer soweit, dass du ihn nie greifen kannst. Und dann stehst du auf dem Dach eines Hochhauses, frierst die halbe Nacht durch und wartest auf das erste verdammte Sonnenlicht.
So stehen wir einfach nur da, wie zwei Leute, die auf den Bus warten oder auf den Weltuntergang oder was auch immer. Ist doch irgendwie alles das Gleiche. Was für einen Unterschied macht das?
Wir setzen uns an den Rand des Dachs und lassen die Beine baumeln wie Kinder.
Tausend Dinge schwirren uns durch den Kopf, aber es gibt nichts zu sagen. Die Welt hat sich offenbart. Schon vor einer langen Zeit. „So“, hat sie gesagt, „das ist das Leben. Die zwei Punkte da, das seid ihr. Ihr schwimmt da so rum wie Fettaugen in der Suppe und eines Tages, blupp, seid ihr weg. Das war’s, jetzt geht nach Hause und bestellt mehr Katalogware.“
Vielleicht hat sie die Metapher mit den Fettaugen nicht so gesagt, das weiß ich jetzt nicht mehr so genau. Egal, das Wesentliche bleibt.

Zwei winzige Punkte sitzen auf dem Dach eines Hochhauses und da kommt sie, die Sonne. Einige wenige schwache Strahlen mühen sich über den Horizont, werden halb von den Wolkenschleiern verschluckt. Diffus streuen sie ihre klägliche Helligkeit über die Stadt, als wären sie nicht sicher, was sie tun sollen.
Langsam folgt ihnen eine bleiche Scheibe, klettert Stufe um Stufe höher auf ihrer unsichtbaren Leiter, mühsam wie eine Großmutter mit Arthritis, setzt sich kurz, um zu verschnaufen. Sie sieht herab auf all die winzigen Punkte, die da unten wimmeln. Sie hat wahrscheinlich längst aufgehört, sich zu wundern.
Schnitt, die Kamera sieht in den blassen Himmel und fällt rotierend in den Abgrund. Zwei winzige Punkte blinken kurz am Bildrand auf, kaum sichtbar.
Abspann und Ende.

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Daydreaming

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