Narziß und Goldmund

Auf einen Blick

Erscheinungsjahr
1930
Verlag
S. Fischer Verlag, Berlin
Gattung
Erzählung
Erstauflage
Begonnen im Frühjahr 1927
Besonderheit
Einziges Werk, das den Ausgleich der Spannungen zwischen Geist und Eros gestaltet

Cover von Hermann Hesses Erzählung Narziß und Goldmund, Erstausgabe 1930

„Narziß und Goldmund“ ist Hermann Hesses Erzählung über zwei ungleiche Freunde im Mittelalter — geschrieben zwischen April 1927 und März 1929, vorabgedruckt 1929/30 in der Neuen Rundschau unter dem Untertitel „Geschichte einer Freundschaft“ und 1930 als Buch beim S. Fischer Verlag erschienen. Die Dichtung gestaltet die alten Gegensätze von Logos und Eros, von väterlichem und mütterlichem Prinzip in den zwei Gestalten eines sich ergänzenden Freundespaars und gehört zu Hesses kommerziell erfolgreichsten Werken.

Inhalt: Zwei Wege durch ein Leben

Der junge Goldmund kommt als Klosterschüler in das Stift Mariabronn und wird dort vom gleichaltrigen, schon gelehrten Mönch Narziß als Freund angenommen. Narziß erkennt früh, dass Goldmund nicht für das Klosterleben bestimmt ist, und ermutigt ihn, der Welt zu folgen. Goldmund verlässt Mariabronn und wird zum Wanderer.

Auf seinen Wanderschaften lernt er die Liebe vieler Frauen kennen — Lydia, Lene, Rebekka, Agnes —, erlebt Lust und Verlust. Er begegnet dem Bildhauer Niklaus dem Meister und entdeckt seine eigene Berufung zum Künstler. Seine schönste Figur, eine Johannes-Statue, trägt die Züge des fernen Freundes Narziß. Goldmund zieht weiter, erlebt die Pestzeit, eine gefährliche Affäre mit der Mätresse Agnes, Gefängnis und beinahe seinen Tod. Am Ende kehrt er, gealtert und körperlich gebrochen, in das Kloster Mariabronn zurück, wo Narziß inzwischen Abt geworden ist, und stirbt in den Armen des Freundes — der durch ihn ein Stück Sinnenleben kennengelernt hat, das der reinen Geist-Existenz fehlte.

Hauptfiguren

  • Narziß — junger Mönch, später Abt von Mariabronn; Verkörperung des Geistes, des Logos, der asketischen Selbstbewahrung. Er ist Goldmunds geistiger Mentor und sein lebenslanger Bezugspunkt.
  • Goldmund — Klosterschüler, dann Wanderer und Bildhauer; Verkörperung des Eros, der Sinnlichkeit, des mütterlichen Prinzips. Sein Weg führt durch die Welt zurück in die geistige Heimat des Freundes.
  • Niklaus der Meister — Bildhauer, der Goldmund in seine Werkstatt aufnimmt und ihm die Kunst lehrt; geprägt vom Spätmittelalter, vorsichtig und vom bürgerlichen Auskommen geleitet.
  • Lydia, Lene, Rebekka, Agnes — Frauen, die Goldmunds Wanderschaft begleiten und die jeweils eine Stufe seiner Welterfahrung verkörpern: Adel, Land, Verfolgung und Hofintrige.

Schauplatz: Kloster Mariabronn

Mariabronn ist ein fiktives Kloster, das Hesse nach dem realen Kloster Maulbronn modelliert hat — jener Stätte, in der er selbst 1891/92 als Stipendiat im evangelisch-theologischen Seminar war und aus der er am 7. März 1892 floh. Dieselbe biografische Erfahrung verarbeitete Hesse direkt schon in seiner früheren Erzählung Unterm Rad (1906), wo das Maulbronner Seminar als realer Schauplatz erscheint. In „Narziß und Goldmund“ rückt Hesse die Erinnerung in das Mittelalter und macht sie zur Folie einer ganz anderen Frage: nicht „Wie scheitert ein Knabe an der Schule?“, sondern „Wie verhalten sich Geist und Sinne als zwei gleichberechtigte Lebenswege?“.

Themen und Bedeutung

Im Zentrum steht die Polarität von Logos und Eros, von Vater-Prinzip (Geist, Askese, Selbstbewahrung) und Mutter-Prinzip (Sinne, Welt, Wandel). Anders als in Hesses früheren Werken bricht diese Spannung nicht in eine Dissonanz auf, sondern löst sich in eine echte Polarität: Narziß und Goldmund ergänzen einander. Erkennbar ist hier auch der Einfluss der Tiefenpsychologie C. G. Jungs, mit dessen Archetypen-Lehre und Mutter-Bild Hesse sich in den 1920er-Jahren intensiv auseinandersetzte — ein Faden, der auch durch Demian läuft.

Hesse hat das Verfahren seines Schreibens während der Arbeit am Buch selbst beschrieben:

Eine neue Dichtung beginnt für mich in dem Augenblick zu entstehen, wo eine Figur mir sichtbar wird, welche für eine Weile Symbol und Träger meines Erlebens, meiner Gedanken, meiner Probleme werden kann. Die Erscheinung dieser mythischen Person (Peter Camenzind, Knulp, Demian, Siddhartha, Harry Haller usw.) ist der schöpferische Augenblick, aus dem alles entsteht. Beinahe alle Prosadichtungen, die ich geschrieben habe, sind Seelenbiographien, in allen handelt es sich nicht um Geschichten, Verwicklungen und Spannungen, sondern sie sind im Grunde Monologe, in denen eine einzige Person, eben jene mythische Figur, in ihren Beziehungen zur Welt und zum eigenen Ich betrachtet wird.

Hermann Hesse: Eine Arbeitsnacht

In „Narziß und Goldmund“ tritt diese Figur erstmals als Paar auf — das Modell der Seelenbiographie wird verdoppelt. „Alles Versäumte blüht noch einmal auf“ heißt es im Steppenwolf; in Goldmunds sinnlichem Leben holt Hesse nach, was sein Werk bis dahin kaum dargestellt hatte.

Rezeption und Wirkung

Der Erfolg des Buches war groß und nachhaltig. Viele Leser und Kritiker, aufatmend den Steppenwolf hinter sich zu wissen, priesen die Erzählung als ein Buch, in dem Hesses epische Erzählkunst gelungensten Ausdruck gefunden habe. Thomas Mann notierte 1930 in seinem Tagebuch:

Ein wunderschönes Buch in seiner politischen Klugheit, seiner Mischung aus deutsch-romantischen und modern-psychologischen, ja psychoanalytischen Elementen.

Thomas Mann: Tagebucheintrag 1930

2020 wurde der Stoff vom österreichischen Regisseur Stefan Ruzowitzky verfilmt. Der Film hatte am 19. Februar 2020 Premiere.

Entstehung und Veröffentlichung

Hesse begann mit der Arbeit im Frühjahr 1927 nach Überwindung schwerer körperlicher Erschöpfung; die eigentliche Niederschrift erstreckte sich von April 1927 bis März 1929. Ein Vorabdruck erschien von Oktober 1929 bis April 1930 in der Neuen Rundschau, dort noch unter dem Untertitel „Geschichte einer Freundschaft“. Die Buchausgabe folgte 1930 beim S. Fischer Verlag in Berlin.

Häufige Fragen zu „Narziß und Goldmund“

Worum geht es in „Narziß und Goldmund“?

Die Erzählung schildert die lebenslange Freundschaft zwischen dem geistigen Mönch Narziß und dem sinnlichen Wanderer Goldmund. Während Narziß im Kloster Mariabronn bleibt und Abt wird, zieht Goldmund in die Welt, wird Bildhauer und lernt Liebe, Pest und Verfolgung kennen. Am Ende kehrt er, gebrochen, in das Kloster zurück und stirbt im Arm des Freundes. Im Zentrum die Polarität von Geist und Sinne, Logos und Eros.

Wer ist Narziß? Wer ist Goldmund?

Narziß ist der junge gelehrte Mönch, später Abt von Mariabronn — die Verkörperung des Geistes, der Askese und des Logos. Goldmund ist der schöne, weltbegabte Klosterschüler, der zum Wanderer und Bildhauer wird — die Verkörperung der Sinne, des Eros und des mütterlichen Prinzips. Beide sind sich ergänzende Gegenstücke, keine Gegner.

Wo liegt das Kloster Mariabronn?

Mariabronn ist ein fiktives Kloster, das Hesse nach dem realen Kloster Maulbronn modelliert hat. Dort war Hesse selbst 1891/92 als Stipendiat im evangelisch-theologischen Seminar — bevor er am 7. März 1892 aus der Anstalt floh. Dieselbe biografische Stätte verarbeitete er bereits in der früheren Erzählung Unterm Rad (1906).

Welches sind die zentralen Themen?

Die Polarität von Geist und Sinne, Logos und Eros; die Spannung zwischen klösterlicher Selbstbewahrung und weltlichem Erleben; das Werden des Künstlers; das mütterliche Prinzip als psychische Tiefendimension. Im Hintergrund wirkt die Tiefenpsychologie C. G. Jungs mit ihrer Archetypen-Lehre und ihrem Mutter-Bild, mit der Hesse sich in den 1920er-Jahren intensiv auseinandersetzte.

Wann erschien „Narziß und Goldmund“?

Hesse schrieb die Erzählung zwischen April 1927 und März 1929. Ein Vorabdruck erschien von Oktober 1929 bis April 1930 in der Neuen Rundschau unter dem Untertitel „Geschichte einer Freundschaft“. Die Erstausgabe als Buch folgte 1930 beim S. Fischer Verlag in Berlin. 2020 wurde der Stoff von Stefan Ruzowitzky verfilmt.

Quellen

  • Hermann Hesse: Narziß und Goldmund. Erstausgabe S. Fischer Verlag, Berlin 1930.
  • Wikipedia: Narziß und Goldmund — Entstehung April 1927–März 1929, Vorabdruck Neue Rundschau 1929/30, Erstausgabe 1930, Figurenkonstellation, Schauplatz Mariabronn als Maulbronn-Modell, Jung-Einfluss, Verfilmung 2020.
  • Hermann Hesse: Eine Arbeitsnacht — Selbstzeugnis zur Werk-Struktur als „Seelenbiographie“.
  • Thomas Mann: Tagebucheintrag von 1930 zu „Narziß und Goldmund“.

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