Eine Stunde hinter MitternachtDen Titel zum zweiten Buch Hesses gab das Gedicht „Eine Stunde hinter Mitternacht aus dem Band Romantische Lieder.
Es ist eine Sammlung von neun kurzen Prosastücken, die von W. Drugulin in Leipzig hergestellt wurde und im Sommer 1899 im Verlag Eugen Diederichs in Leipzig erschien. Die Annahme des Manuskripts verdankte Hesse hauptsächlich der Befürwortung von Helene Voigt-Diederichs, der jungen Frau des Verlegers. Sie hatte sich im November 1897 eines Gedichtes wegen, das ihr gefiel, an Hesse gewandt und eine Korrespondenz begonnen, die für seine Entwicklung in den Tübinger Jahren sehr kennzeichnend ist.

Diederichs versprach sich nicht sehr viel vom geschäftlichen Erfolg des Buches „Eine Stunde hinter Mitternacht„, er war aber überzeugt von seinem literarischen Wert. Er schlug eine Auflage von 600 Stück vor und erklärte: „Daß ich sechshundert absetze, darauf rechne auch ich nicht, aber ich hoffe, daß es schon durch die Ausstattung allein auffallen wird und der unbekannte Name des Autors dadurch paralysiert wird.“

Im Geleitwort zu einer späteren Ausgabe des Buches schrieb Hesse 1940: >>Was den Titel meines ersten Prosabuches betrifft, so war seine Bedeutung mir selbst wohl klar, nicht aber den meisten Lesern. Das Reich, in dem ich lebte, das Traumland meiner dichterischen Stunden und Tage, wollte ich damit andeuten, das geheimnisvoll irgendwo zwischen Zeit und Raum lag, und ursprünglich sollte es „Eine Meile hinter Mitternacht“ heißen, doch klang mir das gar zu unmittelbar an die „Drei Meilen hinter Weihnachten“, des Märchens, an. So kam ich auf die „Stunde hinter Mitternacht“. In den Prosastudien hatte ich mir ein Künstler-Traumreich, eine Schönheitsinsel geschaffen, sein Dichtertum war ein Rückzug aus den Stürmen und Niederungen der Tageswelt in die Nacht, den Traum und die schöne Einsamkeit, und es fehlte dem Buch nicht an ästhetenhaften Zügen. Heute nun scheint mir die >Stunde hinter Mitternacht< für den Leser, dem es um das Verständnis meines Weges zu tun ist, mindestens ebenso wichtig wie >Lauscher< und >Camenzind< <<. *1

Rilke hat in einer Besprechung lobend auf das Buch hingewiesen: >> Die Worte sind wie aus Metall gemacht und lesen sich langsam und schwer. Dennoch ist das Buch unliterarisch. An seinen besten Stellen ist es notwendig und eigenartig. Seine Ehrfurcht ist aufrichtig und tief. Seine Liebe ist groß und alle Gefühle darin sind fromm: es steht am Rande der Kunst.<< *2

 

Titelblatt der Erstausgabe aus:
Bernhard Zeller (Bearbeitung): Hermann Hesse. Eine Chronik in Bildern. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main. Erweiterte Auflage 1977. Seite 31.

Zitat aus:
*1 Hermann Hesse. Geleitwort zu >Eine Stunde hinter Mitternacht<. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main. 1941. Seite 18ff.
*2 Hermann Hesse. Gesammelte Werke in zwölf Bänden. Werkausgabe der edition suhrkamp. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main. 1970. Seite 466ff.