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Sehen lernen vs. Nichts mehr sehen wollen

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Ob die Menschen „arm dran“ sind, die Donnerstag Mittags allein im Café sitzen und Briefe schreiben an jemanden, bei dem sie sich kaum sicher sind, ob sie dessen Gestalt, dessen Wesen in ihrem Kopf überhaupt richtig GESEHEN und erfasst haben bzw. erfassen können ?
Diese Menschen setzen sich stets an einen Einzeltisch auf einen Platz mit Blick aus dem Fenster, um rein zufällig auf jene Straßenkreuzung hinausSEHEN zu können, an der sie mit einem „Jemand“ vor einiger Zeit in stiller Unwissenheit, aber auch in bitter-süßer Vorahnung vorbeigelaufen sind.
Der Wind schüttelt die Äste, die Haare der Menschen und die Kapuzen von ihren Mänteln, der alltägliche Berliner Müll fliegt leicht tänzelnd unbekümmert durch die Gegend. Am Himmel zeichnet sich ein tiefer Kontrast von Blau und grau-weißen Sturmwolken ab.
Man wird wieder poetisch. SIEHT in jedem Baum eine Geschichte und in jedem Menschen eine Welt.
Und manchmal, da SIEHT man Gespenster. Hinter den Passanten. Und glaubt, da liefe „Jemand“.
..zumindest schwanken diese Menschen zwischen einem ihnen den Atem raubenden Zweifel und einem selbstsicher-sturen „Lasst mich in Ruhe, ich weiß was ich tue..“ schauen sich selten um und SEHEN kaum, wer neben ihnen sitzt.
Schauen an sich schön aus, wie sie da schwelgen (wie für die Abendvorstellung eines undefinierbaren Etablissements, denn man gönnt sich ja sonst nichts) Die Mundwinkel leicht heruntergezogen, mit dem Blick in die Ferne schweifend, manchmal plötzlich hinausSEHEND und aus dem Koma erwachend, wenn die Mittagssonnenstrahlen sich doch einmal über die Altbau-Dächer hinaus wagen – umhertänzelnd, in ihrer eigenen, weichen Welt, die so voll von Kontrasten, so voll von Licht und Schatten ist.

(Ja bin ich denn arm dran ?)

Viereinhalb Tage ist es jetzt her, seit „Jemand“ weg ist. Und ich habe SEHEN gelernt. Doch mein Leben erscheint mir so viel weniger frisch und so viel mehr durchschnittlich seitdem. ..und nun will ich baden, will mich regelrecht verlieren, in diesem stillen Eremiten-Dasein.

Muss mich fassen, mich mäßigen und alle Abschweifungen in meinem Kopf auf’s Brutalste verdrängen, nur noch die „Pflichten“ SEHEN. ..immer wieder erst mal über den Berg kommen, um mich dann richtig konzentrieren zu können. Mich selbst ohrfeigen und mir zuflüstern: Komm schon, Du SIEHST Phantome, es hat diese Woche (deines Lebens) niemals gegeben.

Mich selbst reinlegen, indem ich mit gespielter Leichtigkeit rufe: Hey. Alles senkrecht oder ??
Dann feststellen, dass nun nichts mehr senkrecht ist, sondern alles kreuz und quer. Dass nun nichts mehr ordentlich ist, sondern alles wild und verqualmt. Und. Dass man nicht mehr blind ist, sondern wieder SEHEN kann..

So viel SEHEN
Wie ein Kind
Wo der Schmerz und die Freude
So nahe
Beieinander sind

Und man wie früher
Durch lange Straßen irrt
Und aus der Nähe
Ferne wird

In den Gedanken
Lächelnd
Mit ihm gehn
Um nicht zu fühlen
Was geschieht
Und über all
Den Dingen stehn
Um nicht zu fassen
Was man eigentlich SIEHT

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Über den Autor

Julia

Julia

Ehemaliges hhesse.de Mitglied

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