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Schubladengedanke

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Hier in diesem kleinen Ort, zweiundvierzig Kilometer südöstlich von Wien und leider nicht weit genug entfernt von Tirol um nicht damit in Verbindung gebracht zu werden, geschieht nie etwas. Es wäre nicht so, dass die Zeit stillzustehen schiene, ganz im Gegenteil, der Fortschritt ist an allen Ecken und Enden zu spüren, welche andere verschlafene Marktgemeinde kann sich einer eigenen Dönerbude rühmen, aber es passiert einfach nichts. Man trifft jeden Tag auf der Straße die selben Leute, als würden sie in einer Schleife der immer gleichen und, ihren Gesichtsausdrücken nach zu urteilen, zermürbenden Arbeit nachgehen. Am ersten Mai und am sechsundzwanzuigsten Oktober gehen sie halt an beflaggten Fenstern vorbei, schauen aber noch immer so verbissen drein, wie an den restlichen 363 Tagen des Jahres. Wenn einer mal nicht auf der Straße geht, macht man sich Sorgen, aber meistens hat er dann nur Urlaub und fährt, wie jedes Jahr, in die Türkei, all inclusive, Clubdisco, Magic Life, Kampf um die beste Strandliege, Flirt mit der Schweizer Animateurin. Er kommt dann zurück, etwas bräuner und mit dreitausend Fotos auf der Festplatte seines Computers: die Kinder beim Sandburgenbauen, haha, sie haben Papa eingegraben, Mama liegt im Bikini unterm Schirm und grinst über den Rand ihres Liebesromans (oder Dan Brown Retortenthrillers) hinweg direkt den (zumeist unfreiwilligen) Betrachter des Fotos an.
nach dem Urlaub ist man wieder zu Hause im alten Trott. Kinder in der Schule, Frau hinterm Herd, statt hinerm Liebesroman, und Papa hart arbeiten um was zu essen heimzubringen (wobei er trotzdem immer wieder verlangt, dass es schon auf dem Tisch stehe wenn er kommt). Er ist ein macher kein Denker. Er ist ein einfach gestrickter Mensch. Er ist Burgenländer, Österreicher, Europäer. Er ist der Grund für alles. Er ist das Ebenbild Gottes. Er ist ein Heuchler. Er ist ein Arschloch.

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NaimED

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