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Lebendig, begraben

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An jenem lauen Frühlingsabend hätten wir auf der verlassenen Baustelle gespielt, erzähltest du. Während der Himmel sich langsam verdunkelt habe, sei das nackte Bauwerk jäh in zwei Stücke zerborsten und habe mich und meinen Bruder, als wir hoch daroben in unsere Spiele vertieft gewesen seien, in die Tiefe hinabgerissen.
Du erzähltest, ich hätte mich, unter heftigen Schmerzen mich krümmend, in verworrener Finsternis wiedergefunden, bemerkend, dass Trümmer von Beton mich umlauerten, die mir wie ein Sarg waren. Kräftig hätte ich mit Füßen und Händen gegen die massiven Wände geschlagen, dumpfe Töne erzeugend, doch niemand habe mich gehört, denn mein Bruder sei zu diesem Zeitpunkt nicht mehr am Leben gewesen. Zerschmettert sei sein Körper unter meterdickem Schutt gelegen, erklärtest du mir.
Ich dagegen hätte überlebt, sagtest du. Während der Bruder betäubt durch seine Totenwelt getanzt sei, hätte ich lebendig in einem Sarg von Beton und Finsternis gelegen und hätte mich nicht rühren können. Niemand habe mich hören können, mit niemandem hätte ich sprechen können und niemanden hätte ich vermocht zu lieben.
Nur das leise Ticken einer fremden Zeit hätte ich dann vernommen.
Oder war es das Picken eines kleinen Vogels auf harten Beton gewesen?

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Demian2

Demian2

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