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Christkindlmarkt – Eine Betrachtung

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Jedes Jahr der gleiche Tumult. Anfang November belebt sich der Rathausplatz und Holzhütten schießen aus dem Boden, zeitgleich beginnt es auch nach Glühwein, Punsch und „Jagatee“ zu riechen und die Anzahl der japanischen Touristen – die, Digitalkameras in ihren Händen haltend, über die architektonischen Besonderheiten des Wiener Rathauses diskutieren – steigt schlagartig auf ein Vielfaches an. Mitten unter ihnen ein kleiner, verloren herumspazierender junger Mann, die Winterhaube – eine dieser modernen, die vorne einen Schirm haben – tief in das Gesicht gezogen. Er ist Student der Philosophie und der deutschen Philologie, hat zwei Stunden Zeit bis zur nächsten Vorlesung, fühlt sich der Universität aber, obwohl er nur wenige Meter entfernt ist, alles andere als nah. Denn im Moment schockiert ihn der Gedanke, dass früher, als er noch ein Kind war, er ganze Stunden ein Teil dieses Gewusels rund um Weihnachten war, oft fuhren er und seine Mutter am späten Vormittag mit der Bahn nach Wien und erst am späten Abend wieder nach Hause. Heute hatte er den Christkindlmarkt innerhalb einer Viertelstunde absolviert, den Vorsatz gefasst seiner Mutter eine Gel-Kerze als Weihnachtsgeschenk zu kaufen und fragt sich nun, was er die restlichen hundertfünf Minuten lang tun solle. Der ganze Zauber, der früher von diesem Ort ausging, heute scheint er verschwunden.
Früher stand der Student bettelnd neben seiner Mutter an einem Spielzeugstand, sie möge ihm doch dieses oder jenes kaufen und danach noch einen Schaumbecher, heute ärgert er sich darüber, was den Kindern an Spielzeug angeboten wird: Spielkarten, Actionfiguren, Spielzeugwaffen, schlicht jeglicher Plastikschrott seit Erfindung der Polyvinyle. Nicht, dass es in seiner Kindheit anders gewesen wäre, nein, aber irgendetwas war anders.
Zwei Amerikaner stehen vor einem Punschstand, beide in lange Wintermäntel gehüllt und mit ihren Vlieshandschuhen ihre Häferl umklammernd, als wäre es der letzte Halt in einer haltlosen Welt. Sie sprechen über Aktienkurse, Valuten und den Ölpreis und dessen Entwicklung, jetzt nach der Widerwahl von George W. Bush. Ob sie im Urlaub sind, oder doch „americans abroad“? Der Student geht an ihnen vorbei, zufälligerweise hinter dem „Christkindl-Express“ – einem kleinen Zug, angetrieben von einem zu einer Lokomotive umgebauten Kleinsttraktor – welchem die Amerikaner nachblicken. So sehen sie auch den Studenten, der mit einem unzufrieden-suchendem Gesicht einige wenige Meter dahinter geht. Es ist ein Anblick, der Werte umstürzen könnte. Die beiden Amerikaner sprechen weiterhin vom Geschäft.
Zwei junge Mütter stehen mit ihren Kindern, beide eingepackt in ihren Kinderwägen, vor einem der unzähligen Stände mit Schmuck, tratschen, lachen, sehen hin und wieder nach den Kindern – die vor der Kälte geschützt schlafend in ihren Kinderwägen liegen und nur manchmal das Gesicht verziehen, zumeist wenn der kalte Wind kurz wieder heftiger wird – nur um danach wieder weiterzutratschen. Der Student geht vorbei, beim Anblick der beiden Kinder muss er lächeln, doch nur allzu kurz, es reicht nicht aus um sein Gemüt aufzuhellen oder den griesgrämigen Ausdruck aus seinem Gesicht und seiner Seele zu bekommen. Nichtsdestotrotz bleibt er stehen, sieht sich die beiden Babys an, erweckt die Aufmerksamkeit und den Beschützerinstinkt der beiden Mütter, die ihn kurz, ohne ihre Konversation zu unterbrechen, mustern, prüfen ob er eine Gefahr darstellen könnte und als sie sehen, dass dem nicht so ist und er weitergeht, sich wieder vollends einander widmen.
Eine Gruppe Tschechen, ein junges Ehepaar samt ihren Eltern, betrachten an einem Stand selbstgebaute Krippen, staunen darüber wie viel Liebe und Herzblut in die kleinen Stallnachbauten, in einen Baumstumpf oder eine alte Holzkiste hineingebaut, mit selbstgeschnitzten Figuren, von den Hirten und Engeln bis hin zu den Schafen, Eseln und Ochsen, gesteckt wurde.
Der Vater des Bräutigams macht einen Witz und der Vater der Braut scheint dem noch etwas hinzuzufügen, das junge Ehepaar lacht, die beiden Mütter werfen ihren Männern mahnende Blicke zu, dürfte wohl kein ganz sauberer Witz gewesen sein. Der Student geht vorbei, sieht die Krippen und erinnert sich an die eine, welche sein Großvater dereinst gebaut hatte, aus einem alten Eichenstumpf, die Figuren aus Kirschbaumholz vom Kirschenbaum aus dem Garten der Großeltern, ein rot-gelb angemaltes 20 Watt Lämpchen leuchtete die Szenerie aus und die Figuren waren aufs präziseste bemalt worden, jeder Gesichtszug sollte erkennbar sein. Die Krippen, die hier zum Kauf angeboten werden sind bei weitem nicht so schön, der Student senkt den Kopf und geht weiter. Die Braut sieht ihm kurz fragenden Blickes nach, doch dann erzählt ihr Vater einen Witz und sie lacht.
Zwei junge Mädchen aus England, genauer aus dem Raum der Londoner Vorstädte, lustwandeln durch das Meer der Stände. Sie sprechen nicht viel, scheinen beeindruckt von dem ganzen Rummel, der hier betrieben wird. Die Eine von den beiden ist groß gewachsen und ihre strohblonden Haare blicken leicht unter dem Rand ihrer rosa Mütze hervor. Sie ist Austauschstudentin und für ein Semester, das sich langsam zu Ende neigt, nach Österreich gekommen um hier ein Auslandssemester in Kunstgeschichte zu absolvieren. Die Andere, etwas kleiner und fester, mit rundem Gesicht und braunen Haaren, die sie zu einem Zopf geflochten trug, war ihre Freundin und für eine Woche zu Besuch gekommen. Beide hatten sie einen Schaumbecher in der Hand, doch mehr als ein-, zweimal hatte keine der beiden von dem ihrigen abgebissen, sie waren beide zu sehr mit Staunen beschäftigt. Der Student geht lange hinter ihnen her, nicht weil er sie verfolgt, aber sie haben denselben Weg wie er und er hat zu viele Gedanken in seinem Kopf um schneller als sie zu gehen. Sie bleiben am Puschstand stehen, beginnen jetzt endgültig ihre Schaumbecher zu essen und sehen den jungen Studenten, der zu Boden blickt und nur versucht hier herauszufinden.
Eine der vielen japanischen Touristengruppen steht am Ausgang des Marktes, der auch gleichzeitig der Eingang ist. Sie fotografieren und fotografieren und fotografieren, als müssten sie den Stereotypen zu hundert Prozent erfüllen. Der Student verlässt den Markt, hält sich links, Richtung Universität, wird ungefähr zweihundertmal fotografiert. Zuhause werden ihn die Japaner dann all ihren Freunden und Verwandten zeigen, allerdings nicht registrieren. Er wird in ihren Erlebnisschilderungen nicht bedacht werden, egal wie verloren er mitten unter ihnen steht, auf der Suche nach etwas, von dem er nicht weiß, was es ist und wie, wo, wann und warum er es finden sollte und wie er es erkennen sollte, da er ja nicht weiß, was es ist.
Jetzt sitzt er auf den Stufen vor der Universität, fragt sich, was da gefehlt hat. Wieso nur eine Viertelstunde? So viele Menschen machen einen Ausflug nach Wien, nur um sich das anzusehen und er hat in einer Viertelstunde so viel davon gesehen, eigentlich mehr als er sehen wollte. Einer dieser gelb-grünen „Sightseeing“ -Busse fährt den Ring hinab, voller Japaner, unzählige Fotoblitze blitzen hinter den Fenstern auf. Eine Gruppe von Tschechen, sechs Leute um genau zu sein, geht an der Universität vorbei, sie lachen, haben sich jeder bei einem Anderen eingehakt. Eine BMW-Limousine der neuesten Bauart parkt sich gegenüber beim „Subway“ -Restaurant ein, zwei Männer in langen Wintermänteln steigen aus, riechen nach Punsch und sprechen von Aktien. Zwei Frauen mit je einem Kinderwagen gehen an der Uni vorbei, unterhalten sich, die beiden Kinder schlafen. Auf der Rampe stehen zwei englische Mädchen, umarmen einander, küssen sich zuerst auf die linke, dann auf die rechte Backe, die eine geht Richtung Haupteingang, die andere Richtung Straßenbahnhaltestelle. Sie winken sich zu.
Auf den Stiegen sitzt ein kleines Persönchen, Student der Philosophie und der deutschen Philologie, und sucht nach einem Zauber, den er eigentlich längst gefunden haben könnte, hätte er ihn nicht gesucht.


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NaimED

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