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Bauern(tr)ampel

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Es gab nichts Ungewöhnliches an der Ampel. Die Witterung hatte dem Zebrastreifen die Optik eines Dalmatinerfells verpasst, doch war er ihm vertraut. Bevor er einen Fuss darauf setzte fasste er jedes Mal den Misthaufen ins Auge, der neben den Gegenhubers vor sich hin stank, seit er denken konnte. Er erinnerte ihn daran, wo er war. Es hatte durchaus etwas Befremdliches, in einem 200-Seelen-Dorf (böse Zungen behaupten Bauerndorf) einen geregelten Zebrastreifen zu benutzen. Als er noch hier, bei seinen Eltern, gewohnt hatte, gab es diesen noch nicht. Sein Vater war auf der Gemeinderatssitzung auch der Einzige, der nicht die Hand hob, als es darum ging, ob ein neuer Spielplatz oder eine Fußgängerampel gebaut werden sollte. Nun war sie da, beschützte die Einwohner vor den Lastern und Traktoren, die heimische Erzeugnisse in Richtung Bundeshauptstadt kutschierten und erinnerte ihn bei seinen Besuchen daran, woher er gekommen war. Vielleicht war sie auch ein wenig dazu da, um ihm zu sagen, er solle sein neues Zuhause nicht zu sehr vermissen. Um das, was früher sein Zuhause war, wieder zugänglicher für ihn zu gestalten. Er erinnerte sich noch sehr gut an das hartnäckige, bunte Gerede, als es hieß, er ginge nach Wiener Neustadt.
Den Misthaufen im Visier betrat er den Asphalt. Eines von Ferdls Hühnern schrie seine Sorgen in den Tag. Man hörte Ketten rasseln, Kühe muhen, eifrige Landwirte rufen. In diesen fernen Reigen mischte sich plötzlich ein fremdes, aggressives Geräusch. Ein schrilles Quietschen begleitet von singendem Metall. Die feindliche Symphonie drang mit derselben Heftigkeit in sein Bewusstsein, als stünde er in einer lebhaften Menschenmenge und plötzlich sagt jemand „Manfred, du verdammtes Arschloch“. Auf Befehl des rötlichen Blitzens in seinem Augenwinkel sprang er geradewegs an den rettenden, gegenüber liegenden Straßenrand. Ein roter Golf fand dort Halt, wo er eben noch gestanden hatte. Der dezente Fettansatz an seinem Kinn bettete ihn weich auf der Randsteinkante und er fragte sich, ob nicht trotzdem die angerostete Kühlerhaube die angenehmere Bekanntschaft gewesen wäre. Der Wagen schräg hinter ihm sah nämlich so aus, als würde er beim Kuss eines Rehs schmerzlos daran vorbeibröseln. „Hast du kein Auto in deinem Alter?“ rief er im ersten Ärger und wünschte sich den Mund gehalten zu haben. Passende Sprüche zu klopfen war nicht seine Stärke, nie gewesen. Vermutlich war er mit diesem Kracher sogar selbst verantwortlich für das dämliche, verlegene Grinsen der Frau, die das Lenkrad immer noch so fest hielt, als würde sie es im nächsten Moment aus der Verankerung reißen wollen. Nachdem klar wurde, dass niemand zu größerem Schaden gekommen war, trennten sich die Wege der beiden. Und er wusste endlich, die Ampel stand genau dort, wo sie hingehörte.

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Tomatto

Tomatto

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