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Schritte

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Schon beim ersten Schritt in den lockeren Sand spüre ich, wie mein Fuß langsam in ihm versinkt, als wäre der Boden zu schwach mich zu tragen. Ich setze das zweite Bein voran. Und wieder das ungewohnte Nachgeben des Bodens. Nur noch 20 Schritte bis zum Wasser. 20 Schritte, jeder wie der Vorige. Am Ufer wird der Grund fester – hier ist der Sand stärker, mit Wasser gestärkt. Meine Füße stehen sicher auf dem Untergrund. Das Wasser berührt leicht meine Schuhsohlen, so dass ich beschließe, meine Schuhe auszuziehen. Jetzt stehe ich barfuß am Rand des Meeres. Das Wasser umspült und umspielt meine nackten Füße. Nur leicht zwar, es ist ein windstiller Tag, aber doch spürbar. Die Kälte der ersten Wellen lässt mir einen leichten Schauer durch den Körper laufen und ich überlege zunächst, ob ich nicht zurücktreten sollte. Doch ich entscheide mich, stehen zu bleiben. Wie oft schon bin ich vor soviel zurückgewichen.
Es ist einer dieser Tage, an denen das Meer ganz ruhig dazuliegen scheint. Wie eine gespannte Klarsichtfolie. Nur leichte Spiele des Windes mit der Oberfläche kräuseln sie etwas. An solchen Tagen ist die Brandung auch ruhig. Nur wenige kleine Wellen schaffen es, sich an den Strand zu wälzen. Doch scheinen diese es umso energischer zu wollen. Mit einem schnellen und bestimmten „Wschhhh“ erreichen sie den Sand – und meine jetzt auf ihm stehenden Füße. Ich schließe meine Augen und versuche alles um mich herum zu vergessen. Ich spüre jeden einzelnen Tropfen des Meerwassers meine Füße umlaufen, meine Zehen kitzeln um schließlich wieder in der Masse des Wassers zu verschwinden. Welch Stille. Eine Möwe kreischt, ich öffne die Augen und sehe sie direkt vor mir im Wind segeln. Sie lässt den Wind ihre Flügel umschwirren, wie ich das Wasser meine Füße. Ich gehe noch einen Schritt vorwärts. Hier wird der Untergrund wieder formlos. Mit jedem Wellenschlag, möge er heute noch so schwach sein, sinken meine Füße tiefer in den Sand. Hier scheint jede Festigkeit und jedes Ende aufgehoben. Nichts scheint mich auf meinem Weg in die Tiefen des Sandes aufhalten zu können. Nach einiger Zeit umfängt mich ein leichtes Gefühl der Unsicherheit, ob ich denn meine Füße überhaupt wieder aus dem Sand heben könnte, wenn ich es wollte und ich versuche langsam und vorsichtig einen anzuheben. Ich spüre das Gewicht des Sandes, der sich über ihn gelegt hat. Er ist mindestens doppelt so schwer wie normal und ich benötige einige Kraft um ihn anzuheben. Mit leichten Schüttelbewegungen befreie ich ihn aus seiner sandigen Umgebung.
„Hey!“ Ich drehe mich um, immernoch etwas in meine vorigen Gedanken versunken und auf einem Bein stehend, das bis über den Knöchel in dem vom Wasser überspülten Sand steckt. Welch dämliches Bild muss ich grade für einen außenstehenden abgeben, denke ich, als ich erkenne, wer nach mir gerufen hat. Sie ist es wirklich. Ich hatte ihr nur ein- oder zweimal von diesem Ort erzählt und, dass ich immer hierher fahre, wenn ich einen klaren Kopf bekommen muss. Heute bin ich auch deswegen hier. Nur wollte ich meine Gedanken kurz von genau dieser Person trennen, die jetzt durch den Sand auf mich zugelaufen kommt und mit der ich die letzten Monate meines Lebens verbracht habe. Ich bin wirklich glücklich und habe dieses wundervolle Gefühl, von allem befreit zu sein, was nur die Liebe in einem Menschen hervorrufen kann. Ich schaue sie jetzt an, ihre schulterlangen, dunklen Haare, ihr Gesicht, durch die Zeit mit ihr so bekannt aber nicht uninteressant geworden, und ihre so unvergleichlich blauen Augen. Nie zuvor hatte ich solche Augen gesehen. Tiefblau, dabei aber nicht kalt. Sie geben ihrem Gesicht einen so besonderen Ausdruck, machen es so einzigartig. Ich drehe mich ganz zu ihr um, den Fuß, der bereits aus dem Sand befreit war, auf festen Grund setzend, den Anderen aus dem Sand ziehend und zum Standbein gesellend. Wie schön sie ist. Sie hat ihre Schuhe auch ausgezogen und ihre kleinen Füße tragen sie durch den Sand. Langsam kommt sie auf mich zu. Wenige Schritte von mir entfernt bemerke ich das Glitzern in ihren Augen, die Sonne, die ein Blitzen aus ihnen scheinen lässt. Jetzt ist sie noch einen Schritt näher gekommen und ich sehe, dass es Tränen sind, die ihre Augen zum Spielplatz des Lichtes machen. Sie weint. Ich habe sie bis heute nur einmal weinen gesehen... ...Es war der Abend, an dem sie erfahren hatte, dass sie in einem anderen Ort für ihren gewünschten Studiengang angenommen war. Damals weinte sie vor Freude. Ich freute mich auch so sehr für sie, doch ging ich später an diesem Abend ins Bad und weinte auch – jedoch nicht aus Freude. Mir wurde in dieser Nacht klar, dass dieses Geschehnis für unsere Liebe große Konsequenzen haben würde. Ich traute mich erst Tage später mit ihr darüber zu reden. Sie sagte damals, dass sie dasselbe empfunden hätte und dass auch sie nicht nur aus reiner Freude sondern auch aus Angst um uns geweint hätte. Das ist jetzt 3 Monate her. Seitdem war dieses Problem immer unterschwellig durch unsere Beziehung geschleppt worden. Keiner von uns hatte sich mehr getraut, darüber ein Wort zu verlieren. Wir hatten dieses Thema regelrecht totgeschwiegen. Sie schien das für eine zeitweilig gute Lösung zu halten. Ich dagegen hatte seitdem große Probleme. Für mich wäre es einfacher gewesen, wenn wir darüber geredet hätten. Und heute früh musste ich einfach raus. Ich stieg einfach kurzentschlossen aus meinem Bett, sie lag noch neben mir und schlief – so süß zusammengekauert, wie sie immer schläft, als umarme sie sich selbst -, und entschloss mich spontan, hierher zu fahren, wo ich jetzt stehe – und A. inzwischen auch.
Sie war sicher verwundert, als sie aufwachte und bemerkte, dass ich nicht neben ihr lag und auch sonst nirgendwo in der Wohnung zu finden war, geschweige denn eine Nachricht. Vielleicht hatte sie erst gewartet, vielleicht war ich nur kurz etwas besorgen gegangen, doch nach 30 Minuten war ihr sicher klar, dass ich nicht kurz um die Ecke gegangen war, um Brötchen zu holen. Dann muss ihr klar gewesen sein, dass mein Verschwinden nicht ganz normal war. Sie wird angefangen haben zu überlegen. Dann wird sie M. angerufen haben, meinen besten Freund, ob ich bei ihm wäre – wir treffen uns öfter spontan um ein wenig zu reden...über Studium, Frauen und dies und das. Kein positives Signal von ihm. Wo war ich? Wahrscheinlich überlegte sie eine ganze Weile, bis sie sich erinnerte, dass ich ihr von diesem Ort erzählt hatte, an den ich gehe, wenn ich alleine sein will um nachzudenken. Und unsere derzeitige Beziehungssituation gab einigen Stoff zum Nachdenken, wahrlich. Also setzte sie sich ins Auto und kam hierher...
...wo sie jetzt steht - 3 Meter vor mir und der Grund vieler Gefühle in mir. Ihre weiten Hosen werden selbst von dem leichten Wind in starker Bewegung gehalten – nicht, dass sie es nötig hat, mit weiter Kleidung irgendetwas zu verdecken, im Gegenteil. Aber sie mag diese Art von Kleidung. Sie sagt, sie fühle sich dann nicht so eingeengt. Sie braucht viel Freiheit in ihrem Leben, sagt sie, und in einer Beziehung. Sie ist treu, nur verlangt sie auch Zeit nur für sich. Ein Punkt, in dem wir uns einig sind, denn mir geht es genauso – nichts schlimmer, als eine Beziehung in der man sich jeden Tag pausenlos sieht und ein schlechtes Gewissen haben muss, wenn man etwas alleine oder mit Freunden unternehmen will. Eingeengt...der viel zitierte „Goldene Käfig“! Das war immer ein Graus für uns. Umso unverständlicher meine Beobachtungen bei befreundeten Paaren, die sich schon nach 5 Minuten ohne den Anderen verlassen und einsam zu fühlen scheinen. Für A. und mich war es immer normal auch ab und zu 2 Tage nichts vom Anderen zu hören. Soweit reichte unser Vertrauen und auch unsere Liebe. Sie jetzt vor mir stehen zu sehen, ist schwer, weil ich jetzt wieder merke, wie verliebt ich doch immernoch in sie bin – selbst nach über einem Jahr. Ich merke, dass ich wie angewachsen im Sand stehe und wahrscheinlich ein sehr seltsames Gesicht mache. Völlige Stille, nur wir zwei barfuß am Strand. Jetzt hebt sie eine Hand und wischt sich die Tränen von den Wangen. Sie macht zwei Schritte auf mich zu – ich mache, etwas erschrocken von ihrem überraschenden Vorwärtsdrang, fast einen Schritt zurück, besinne mich aber rechtzeitig und bleibe einfach stehen. Wir schauen uns direkt in die Augen. Sie hebt einen Arm und fährt mit ihrer Hand durch meine Haare. Jetzt beginnt sie, zu meiner völligen Überraschung, zu lächeln und ich spüre wenig später ihre Lippen auf den Meinen.
...Ich umarme sie, plötzlich wieder in meinem Bett liegend.


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