← Zurück zur Übersicht

Naivität oder: wie frage ich jemanden nach seinem Namen.

Share

Die Bäume bilden ein Dreieck. Ich weiß es. Ich hatte es schon gewusste, als ich diesen Wald zum ersten mal betreten hatte. Immerhin waren es ja nur drei Bäume und drei Bäume bilden immer ein Dreieck, sofern sie nicht in einer Reihe stehen. Es waren große, festverwurzelte Bäume, die sich dort auf der Lichtung mit ihren weitverzweigten Kronen wie die Herrscher des Waldes aufführten. Wie sie so da standen bekam man Lust eine Axt zu nehmen und beim größten anfangend alle drei zu fällen. Ich hatte keine Axt dabei, deshalb tat ich es nicht. Statt dessen sah ich weiter hin. Ich starrte gebannt auf die Szenerie der drei Bäume, wie sie so selbstgefällig zusammenstanden und die einzige Bewegung von dem leichten Wind, der durch die Blätter strich, ausgelöst wurde. Ja, ich war ihnen überlegen. Ebenso überlegen, wie der Fisch dem Stein überlegen ist, wenn man beide ins Wasser wirft. Doch, es war ein Dreieck. Warum sollte es auch keines sein? Ich blickte zu dem Jungen am anderen Ende der Lichtung. Hatte er schon die ganze Zeit dort gestanden? Er war mir nicht aufgefallen, wie auch? Ich war viel zu beschäftigt gewesen die Bäume zu betrachten. Jetzt kam er näher. Er ging rückwärts, als wolle er vermeiden, dass ich sein Gesicht sehen könne. Es war ein ganz gewöhnlicher Junge. Rote Jacke, blaue, verwaschene Jeans und blonde etwas wirre Haare. Er war barfuss und kam auf mich zu. Neben den drei Bäumen blieb er stehen. Was wollte er? Wäre ich ein mutiger, selbstbewusster Mensch gewesen, wäre ich hingegangen, hätte ihn an der Schulter gefasst, herum gedreht und gefragt wie er heiße. Ich tat es nicht. Statt zu ihm zu gehen blieb ich, wo ich war und gab den Bäumen die Schuld an meiner schüchternen Naivität. Lange muss ich da gestanden haben. Starrte ihn an, wie man ein schönes Bild in einem Museum anstarren würde, weil man sich fragt, ob ein irdischer Künstler oder ein überirdisches Wesen hier am Werk gewesen war. Wie ich so dastand fühlte ich eine Hand auf meiner Schulter. Sie drückte mich sanft, aber bestimmt. Zwang mich, mich zu drehen und ihn anzusehen. Es war der Tod. Ich war nicht überrascht, im Gegenteil. Schon lange hatte ich seine Anwesenheit gespürt, war mir sicher gewesen den süßlichen Geruch von Verwesung und Tod bereits eine geraume Weile wahrgenommen zu haben. Nun also war er da. Eigentlich hatte ich gehofft noch ein wenig Zeit zu haben, denn noch immer hatte ich die Bäume nicht verstanden und auch der Junge hatte sich nicht umgedreht. So wusste ich weder, was die Bäume mir sagen wollten, noch wer der Junge war. Wie schnell doch manchmal alles ging. War ich nicht erst vor ein paar Stunden in den Wald hinein gegangen und sollte jetzt schon wieder gehen? Ich wollte dem Jungen zurufen, dass ich jetzt gehen müsse, aber ich konnte nicht. Der Tod hielt mich zurück, nahm mich mit sich und wir verließen den Wald gemeinsam.

Über den Autor

Nathaniel

Nathaniel

Ehemaliges hhesse.de Mitglied

Du schreibst selbst Gedichte?
Veröffentliche dein Gedicht im Autorentreff von hhesse.de.
Abonnieren
Benachrichtige mich bei
0 Comments
Inline Feedbacks
View all comments