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Geschichten aus F. 2.Teil

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Zeltbach

Gleich waren wir draussen. Ich drehte mich noch einmal um. Das Zelt war sehr viel kleiner, als es von innen gewirkt hatte und der Alte machte gerade mit seiner Enkelin an der Hand einige wilde Sprünge darüber, als wäre es kein Bierzelt, sondern ein kleines Lagerfeuer, über das man wohl zu so später Stunde, vom Alkohol toll, springen mag. Es flackerte auch ein wenig. Oder waren das die Augen des Mädchens?
Nun, ich sah dies als gute Gelegenheit, mich von den beiden heimlich davonzustehlen. Ich bog auf einen Feldweg ein, der direkt hinter dem Zelt begann und an einem rauschenden Bächlein entlangführte. Ich blickte um und bemerkte, dass das Bächlein aus einem Rohr, das aus der Zeltwand kam, sprudelte. Da sah ich auch schon ein Schild am Wegesrand: »Zeltbach; bitte nicht queren.« Bald kam ich über eine Holzbrücke, unter der ein weiterer kleiner Bach floß und da in den Zeltbach mündete. Auf dem Schild an der Brücke stand: »Rainbach; bitte nicht verunreinigen.«
Ich stützte mich eine Weile - meine Beine waren sehr schwach - an das Geländer und ließ mich von der kühlen Luft der Nacht durchwehen. »Die Leute wissen gar nicht, dass die eigentliche Reise erst hinter dem Zelt beginnt.«, sagte ich nachdenklich und blickte kopfschüttelnd in das fließende Wasser. Dann ging ich weiter.
Ich kam jetzt in eine gebirgige Gegend, ich konnte mich gar nicht erinnern, dass es hier jemals so bergig war. Ich hielt mich dicht ans Ufer des Zeltbachs, der schon ein reissender Gebirgsfluss war, denn alle Meter mündeten neue Quellbäche von den Hängen ein. Einmal sah ich, hoch über mir, eine Familie mit zwei Kindern - das Mädchen erinnerte mich an meine früh verstorbene Schwester - zu mir herabwinken. Ich winkte scheu zurück. Die Eltern riefen etwas, was wie eine Warnung klang. Sie blickten traurig zu Boden und die Kleider der Kinder flatterten im Winde, als ich langsam aus ihrem Blickfeld verschwand.
Bald kam ich in ein Tal, wo der Zeltbach schließlich als breiter Strom mit dem Namen »Zelta« (Ich las es auf einem Schild, das vom Himmel herabhing) dahinfloß und ich gewissermaßen daneben, am Ufer, entlangfloß. Als Gehen konnte man meine Bewegungen schon nicht mehr bezeichnen. Ich hatte ja keine Beine mehr! Jetzt sah ich erst: Ich selbst war ein Fluß, war ein kleiner Nebenfluß zur Zelta wohl. Wann würde ich einmünden? Da, ich sah schon einen Ozean vor uns auftauchen. Würde ich es noch in die Zelta schaffen? Oder würde ich allein in den Ozean fließen müssen? Ich drängte mit Gewalt in Richtung des großen Flusses neben mir, doch das verursachte mir nur große, nie gefühlte Schmerzen. Ich musste also einsam münden, neben dem Hauptstrom! Würde mich der Ozean denn so überhaupt aufnehmen? Ach! Es ist ja schon aus. Ich breite mich über den Ozean und bald über die ganze Welt. Ich werde verdampfen und als Regen niedergehen. Jetzt fühle ich mich frei.

Beim Lagerfeuer

»Schau, Lenchen, jetzt wacht er auf, er hat die Augen schon ein wenig geöffnet.«, hörte ich die heisere Stimme des Alten. Ich war wohl tatsächlich eingeschlummert. Wo war ich denn hier überhaupt? Ich bemerkte, dass Lene meinen Kopf auf ihren Schoß gebettet hatte, denn ich sah jetzt geradewegs hoch in ihre Augen, die seltsam flackerten. Es knisterte auch wirklich wie ein Feuer und alles um mich herum rauschte, als läge ich mitten in einem wilden Gebirgsfluß. Ich erhob mich, Lene ließ mich gewähren. Da sah ich, wir saßen um ein kleines Lagerfeuer auf einer Sandbank und um uns herum flossen zwei Flüsse. Jetzt wusste ich auch schon, wo wir waren: Das war die Mündung der Leitzach in die Mangfall, nicht weit vom Kinderspielplatz in W., wo die Schamanen hausten.
»Wie kommen wir denn hierher? Es ist ja gefährlich hier, wir sollten gleich gehen.«, sagte ich schnell und wollte schon aufstehen. Doch der Alte blickte mich verständnislos mit großen Augen an. »Ja, wieso denn gefährlich? Sie wollten doch unbedingt hierhin. Es ist ja recht schön hier, dir gefällt es auch, nicht wahr, Lenchen?«, sagte er ruhig und streichelte Lene über die Wange. Lene nickte ganz heftig mit dem Kopf und lächelte mich aufmunternd mit leuchtenden Augen an. »Du musst in das Feuer schauen. Das ist doch der Sinn der Sache.«
Ich beruhigte mich langsam und senkte meinen Blick in das wirre Spiel des Feuers; dann begann ich zu erzählen: »Ich kenne die Gefahren dieser Gegend aus meiner Kindheit, doch jetzt ist es wohl viel besser geworden. Früher habe ich hier oft mit meiner kleinen Schwester gespielt. Es war übermütig und leichtsinnig, doch wir waren neugierig, wie es unter Kindern üblich ist. Im Sommer badeten wir im angenehm kühlen Wasser der beiden Flüsse und wenn die Indianer in ihren Kanus kamen, dann versteckten wir uns eben zwischen den Bäumen am Ufer. Ja, die Indianer! Jetzt sind sie ja schon lange ausgestorben, nun ja, die Schamanen haben überlebt. Doch damals gab es noch große Horden dieser wilden, kampfeslustigen Stämme. Einige Jahre herrschte ein wahrer Krieg zwischen den Indianerkindern und uns anderen Kindern. Ich selbst habe in den vordersten Reihen gekämpft, und meine Schwester, Helene, ist im Kriege gefallen. Ein junges Indianermädchen kam eines Nachts - wir führten den Krieg hauptsächlich nachts, um nicht von den Erwachsenen gestört zu werden - und überraschte sie, als sie gerade die Gewehre für unsere Truppe lud, von hinten mit einem Pfeil, der sich tief in ihr Herz bohrte. Wie weinten wir damals! Sie hatte gerade ihren siebten Geburtstag gefeiert. Es war auch schwierig, meinen Eltern den Tod ihrer Tochter zu erklären, sie wussten ja nichts vom Krieg, ja nicht einmal von den Indianern wussten sie, oder wenigstens sie leugneten es und lachten nur darüber, wenn wir von ihnen berichteten. Dass sie niemals die großen Horden gesehen haben, die bei Tag schreiend durch die Straßen hetzten und nachts heimlich die Häuser in Brand steckten! Doch die Eltern kümmerten sich nicht darum, überhaupt schienen sie sich nur um Dinge zu kümmern, die gänzlich unwichtig waren. »Es hat eben gebrannt, das Haus, es ist ja schon gut.«, pflegten sie einsilbig als Erklärung zu sagen, zwangen sich zu einem Lächeln und vertieften sich wieder in ihre belanglose Beschäftigung. Ähnlich war es, als ich vom Tode der Schwester berichtete.
Nun, die Indianer haben wir heute nicht mehr zu Fürchten, denn die überlebenden Schamanen sind allesamt friedliche und sanfte Menschen.«

Dampfer

Ich hob erleichtert den Blick vom prasselnden Feuer und schaute mit einer gewissen Zufriedenheit in die Runde. Es saßen jetzt viele Menschen um das Feuer und blickten nun, wo ich mit meiner Erzählung am Ende war, allesamt nachdenklich in meine Augen, als ob sie dort etwas bestimmtes suchten. Einer von ihnen, es war ein stämmiger junger Mann in weissem, aber von Ruß geschwärztem Kittel, kam sogar zu mir hin, schob meine Lider auf und ab und leuchtete mit einer kleinen Lampe in meine Augen. Doch da er nichts zu finden schien, seufzte er schließlich tief, zuckte ratlos mit den Schultern und ging wieder auf seinen Platz zurück. »Wollen Sie noch mal versuchen?«, fragte er mit müder Stimme einen nahesitzenden bärtigen Menschen in blauer, stark beschmutzter Handwerkerskleidung. Dieser rückte jetzt zu mir und nahm einen großen Schraubendreher aus seiner Brusttasche. Er drehte sich um und sagte mit Bestimmtheit: »Ich glaube doch, dass es etwas am Getriebe ist. Reichen Sie mir einmal die Zange.« Dann nahm er die Zange und hielt damit meinen Mund offen, während er mit dem Schraubendreher in meinem Gebiss hantierte. Das riss tiefe Wunden in mein Zahnfleisch! Doch der Handwerker schien sehr zufrieden. »Ich hab es! Ja, der Riemen war's! Jetzt ist's gut.«, rief er froh und wischte sich die schweissigen Hände an meinen Haaren ab, wobei er schrecklich grell in meine Ohren lachte.
»Dann kann die Fahrt ja endlich weitergehen!«, stieß der Alte hervor, der noch immer mit Lene vor dem Feuer saß und jetzt aufsprang, um mit einer großen Schaufel Kohle in dasselbe zu befördern. Es loderte gleich stark auf. Ich sah mich um und erkannte, dass wir uns wohl im Maschinenraum eines großen Dampfschiffes befanden.
Ich stand auf und fragte herrisch, wenn auch gedrückt durch die großen Schmerzen, die mir mein wundes Zahnfleisch verursachte: »Wohin geht die Fahrt?«
»Ja, wissen Sie das denn schon nicht mehr? Es war schließlich ihre Idee. »Unbedingt müssen wir ein Stückchen auf der Mangfall fahren«, sagten Sie damals. Und jetzt, ja, jetzt sind wir schon auf der Donau, sehen Sie?« - wir standen nun auf Deck, und er zeigte nach vorn in die Dunkelheit - »Da ist das Schwarze Meer. Ja, wir sind weit gekommen.«, sagte er und rieb sich zufrieden die rußigen Hände. Seine Augen glänzten. »Nun werde ich aber wieder nach unten gehen, denn man braucht mich dort mehr, als hier.«

Schamane

Mir wurde ganz schwindlig. Ich war es nicht gewohnt, auf See zu fahren. »Es ist aber sehr schön. Und du wirst sehen, man gewöhnt sich schnell daran.«, hörte ich eine Stimme neben mir. Es war Lene. Ruhig nahm sie meine Hand und blickte mir lächelnd in die Augen.
»Lene, mir ist nicht gut. Mir ist ganz und gar nicht gut.«, sagte ich mit schwindender Stimme und stützte mich mit letzter Kraft an das Geländer. »Ach Gott, du bist ja ganz blass, komm, ich bringe dich in deine Kajüte, dort legst du dich erst mal in dein Bett und ich mache dir einen Tee.« Das brave Mädchen trug mich in die Kajüte und legte mich in mein Bett. Ich war ja sehr schwach und konnte kaum mehr ein Glied rühren. Da lag ich nun, zusammengekauert, unfähig mich zu bewegen und unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Lene war gegangen, um mir einen Tee zu bereiten.
Nach einiger Zeit - ich wusste nicht ob es eine Stunde oder eine Woche war - öffnete sich schließlich die Türe zu meiner Kajüte und ein großer, indianerhafter Mensch betrat den Raum. »Hier ist die Kräuterzubereitung. Trinken Sie langsam. Es wird ihnen helfen. Der alte Herr und das Mädchen warten übrigens vor dem Zelt auf Sie. Sie sind sehr besorgt. Doch es wird Ihnen bald wieder gut gehen. Sie vertragen wohl die Luft hier im Tal nicht, doch man gewöhnt sich schnell daran, Sie werden sehen. Dennoch verordne ich ihnen einstweilig das Verlassen des Tals.«


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Demian2

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