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Erhöhte Drehzahl

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Erhöhte Drehzahl

Es gibt Momente, in denen selbst die stärksten Männer Lust bekommen, mit einem Stück Papier in der Hand und lieblich singend durch die Gassen zu springen. Meistens handelt es sich bei dem Stück Papier dann bloß um den Führerschein, aber es zählt nun mal der Effekt.
Nicht so bei Gert Hafner. Hätten seine Eltern ihn nicht laufend mit geheuchelter Güte dazu gedrängt, hätte er ihrer freiwilligen Vollfinanzierung längst nicht zugestimmt. Er hatte doch gar nicht die Zeit, Auto zu fahren.
Nicht dass ihm die Vorteile dieser revolutionären Technologie nicht bewusst wären, im Gegenteil, er musste sein Auto einfach noch vollenden.
Da seine werten Erzeuger allerdings befürchteten, er würde seinen kleinen Opel noch in ein Raumschiff verwandeln, wenn er nicht bald damit fährt, stieg er nun seufzend aus der Fahrerkabine, als sein Prüfer ihm breitgrinsend zum erfolgreichen Abschluss die Hand schütteln wollte.
Nie, dachte er, würde dieser Tag kommen, an dem er der Konsequenz seiner geopferten Jahre gegenüberstehen würde. Wenn nur alles funktioniert…es konnte soviel schiefgehen. Er merkte gar nicht, dass er den ganzen Weg nachhause gelaufen war.
Nun starrte er auf die eine Ecke des Garagentors, als dieses sich knarrend hob.
Der Wagen war natürlich wie immer versperrt, niemand außer ihm durfte ihn öffnen.
Sachte zitternd, doch fest entschlossen, strich seine Hand langsam über den Schaltknüppel. Zum ersten Mal fühlte er sich sicher. Es war alles durchdacht.
Das gebrochene Aufbrüllen des Motors und dieses entspannende Ruckeln waren ihm durch endlose Motorstarts im Laufe der Verbesserungen durchaus bekannt, doch diesmal ging es um mehr. …Kupplung.
Fast gleitend rollte der Wagen rückwärts auf die Strasse und kam mit einem sachten Heben der Motorhaube wieder zum stehen.
Manche zeigten sich durch die Neuwertigkeit seines an sich alten Modells etwas verwundert; sonst schien alles normal zu sein, als Gert Hafner sich ehrwürdig durch die Hafenallee tragen ließ.
„Also dann.“ dachte er, nachdem er langsam die befahrenen Strassen hinter sich gebracht hatte; und alle Zweifel fielen endlich ab. 120, 140, 180, … immer schneller schoss der Wagen über den asphaltierten Forstweg. Seit 60 Stundenkilometern hatte er die serienmäßige Höchstgeschwindigkeit bereits überschritten als er den Wald durchquerte, in dem er früher so oft mit seiner Großmutter leckere Früchte sammeln gegangen war.
Mit ihm erreichten zwei bis drei erschrockene Rehe die Lichtung, welche nach seiner ersten Drehung sogleich wieder in den umliegenden Wald flüchteten.
Den Fuß am Anschlag hielt er direkt auf die Bodenwelle zu, auf welcher er in sitzender Weise immer die Fische beobachtete, wie sie zögernd die Reste von Großmutters Kuchen vernaschten.
Die Landung war zwar unsanft, doch gelang es ihm rechtzeitig zu wenden, bevor er gegen die Felswand am anderen Ufer geprallt wäre.
„Jetzt ist es perfekt.“ flüsterte er zu den plätschernden Strömungen, die sich deutlich zufrieden zeigten.
Er drehte die Musik etwas lauter und verließ den Wagen.
Und wie er so die Füße langsam im Wasser hin und her bewegte, dachte er leise bei sich: „Eines Tages werde ich vielleicht auch ein Gärtner.“

Über den Autor

Tomatto

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