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Die Nackten und die Braven

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von Sebastian Giebenrath

Der lästige Wolkenteppich ist fortgescheucht. Die Seidenbläue des Himmels erheitert die meist grämlichen Gemüter, und schon speien Städte und Dörfer allsommerlich ihre Menschenfluten ins nachbarschaftliche Grün. Wie ein Flug Stare sich auf einen früchtereichen Kirschbaum stürzt, so fallen die Badelüsternen über all die wassergefüllten Kiesgruben her, jene im Dienste des Straßenbaus aufgerissenen Naturwunden, die der Volksmund mit dem trivialen Ausdruck „Baggersee“ belegt.

Geeint vom hautstrapazierenden Ziel, den Sonntag zum Sonnenbrandtag umzupolen, machen sich die UV-Strahlen-Hungrigen gleich legionenweise auf. Kein Transportmittel ist exotisch genug, um nicht wenige Stunden später, von einer ockerfarbenen Staubschicht bedeckt, dem mißtrauischen Blick zu entgehen, mit dem erboste, langbehoste Polizisten die Parksünder in den Stranddisteln beäugen. Denn „Heil’ge Ordnung, segensreiche Himmelstochter“ wußte bereits Schiller, der den Duft verfaulter Äpfel dem Bratapfelgefühl an Baggerseen vorzog, – diese Ordnung also ist teutonisches Erbgut, und folgerichtig, weil Ordnung nun einfach einmal sein muß, folgen die bräunungssüchtigen Zeitgenossen ungeschriebenen Gesetzen.

Je nach selbstgewähltem Verklemmungsgrad werden baggerseerings die Parzellen bezogen. Entscheidend bei dieser Auswahl ist die innere Bereitschaft des jeweiligen Badewilligen, wieviel Quadratzentimeter Haut er der Sonne und dem Blick seiner Nachbarn darzubieten gesonnen ist. Seltsames begibt sich da unter den Strahlen der Bräunungsspenderin. Der eine Teil der sonntäglichen Sonnenanbeter weiß um die wirtschaftspolitischen Aspekte der darbenden Textilindustrie und verhüllt daher den schnöden Leib mit allerlei bunten Stoffutensilien.

Auf dem Trampelpfad der vorgeblichen Tugend wird ans Ufer getrabt, Anstand und Sitte mit knappen Bikinis und schlabbrigen Badehosen dokumentiert. Daß dabei mancher hernach – vor dem heimischen Spiegel enthüllt – mit seiner braun-weiß schattierten Haut wie preisgekröntes Höhenfleckvieh aussieht: Nun ja, nur vergnügungssüchtige Voyeure werden das höhnisch als Neurosenmuster bezeichnen. Die Textilliebhaber aber sind, allen Sündenpredigern zum Trotz, an den Baggerseen nur die mitleidig belächelte Minderheit.

Die Mehrheit all derer, die sich die blasse Bürohaut von der Rosensonne annagen lassen, tun dies in paradiesischer Nacktheit. Auch der wohlwollende Betrachter solcher Nuditäten muß zugeben, daß beutelüsterne Spanner nur spärlich auf ihre Kosten kommen. Die zellulitiszerfalteten Oberschenkel starkbrüstiger Damen und die wabbligen Schmer- und anderen Bäuche diverser Männlichkeit sind kein Augenschmaus für schönheitstrunkene Schwärmer. Jede Gemäldegalerie bietet weitaus bekömmlicheres.

Aber Ordnung muß sein, und deshalb sind die Nackten und die brav Verhüllten streng geschieden. Wehe, es wagt ein nacktes Exemplar Mensch sich unter die Heerscharen textiler Anstandshüter. Doch auch die vielbeschworene Toleranz der unbekleideten Badelustigen bleibt japsend auf dem grobkörnigen Sandstrand der Baggerseen liegen, wenn sich zufällig ins Areal der Bloßhäutigen ein Textilträger verirrt. Mit Abscheublicken, die sonst nur Aussätzigen oder Asylbewerbern gelten, wird solch ein Schamverhüller schleunigst in sein Moralghetto zurückgetrieben.

Zwar genießen alle Besucher rund um die Kiesgrube dieselbe Sonne, dasselbe Wasser und dasselbe Geruchsgemisch aus gegrilltem Schweinesteak, Niveacreme und Kinderpippi, – aber sonst scheiden sich die Geister. Spätestens dann, wenn die sinkende Sonne und die heranschwärmenden Schnaken das Badevolk in die Flucht treiben.

Ordnungsliebend haben die Nackten ihre Parzellen gesäubert, die Abfälle verstaut und nun den angebratenen Leib wieder in gesellschaftsgerechte Gewandung verpackt. Die teilgerösteten Textilfanatiker aber sind eben nicht die Braven, die sie glauben zu sein. Plastiktüten, Coladosen, Glasscherben, leere Sonnenmilchflaschen und anderer Wohlstandsmüll verunziert die Strandanteile, damit die nackte und damit sündige Natur ebenfalls wohlbedeckt sei. Ordnung muß schließlich sein!

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Sebastian

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Ehemaliges hhesse.de Mitglied

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