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als Rilke das 1. Mal in Venedig war

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Die Freiheit zu schmecken ist süß
ein Ziehen an den Zähnen
die schon alt geworden sind.
.
Als Rilke das erste Mal in Venedig war
nur vier Tage, –
wie er da die Stunden angefüllt hat
mit Schauen und mit pausenlosem Umtrieb
– so wie der Heimatlose das Haus ausforscht,
das er als das seine erklären möchte
.
Gedichte sind sie nicht wie Briefe
in die man hineingeht
fragend und mit den Augen
eines Kindes suchend
ob es etwas zu Staunen gibt
und zu wundern?
.
Es gibt kein „Zeilengeld“, wenn man im Zauber
wenn man in der Freundschaft ist
der Geist weht, wo er will –
wer will der Anemone befehlen,
wann sie sich weiß und üppig für kurze Zeit zeigt?
Man sagt, die Buschwindröschen beeilen sich
auf ihrem Waldboden so früh, so schnell zu blühen,
weil die Sonne ihnen nur so lange scheint
als die Bäume ihr Blätterdach
noch nicht entfaltet haben.
.
Wie wir erstaunt das Neue sehen,
das uns zeilenweis nachhuscht
was im Gedankenflug aufsteigt
und sich dann wieder nieder läßt,
es sind Boten- und Engelsdinge.
nicht greifbar, nur zeitweise festgehalten
wie feste, warm durchblutete Körper.
.
Was bleibt?
Diese Frage verstummt, wenn man
besucht wird von Geistwesen
ohne Eintrittsbillett
ihr Verweilen ist spannungs-
und energiereich

Im Knistern der Oberleitung
in der Helle des Oberstübchens
zeigt sich Erstaunliches
.
Gehirnkasten und alle Herzkammern
haben Sonntagsschule
keiner brachte dir
diese Flötentöne bei
eine himmlische Art
eine neue Seite deines Dabei-Seins
aufzuschlagen so ganz ohne Verblüffung
.
So schwebst du und schwimmst
alle deine Bewegungen sind fließend
dein Hiersein ist Atmen
Licht geht durch Wände, – du selbst
.
So verbringen du und ich unsere Lichtstunde
der Yasmintee steht hell in dünner Schale
es ist, als klinge sie,als erschalle für dich
der durchscheinende Ton,
der die tiefste Stelle erreicht,
die in dir verborgen ist,
dein Ich das du als Kind bist
.
dieses Universums
dieses – ALLLESVERDREHT –
dieses das Eine in Allem gewendet
.
unendlich einfach nur eine Grenze
ein Strich ist sie, der im Licht mitfliegt
als Pfeil, der du sekundenlang
für eine Ewigkeit als Lichtbringer
Bote und Engel ist

(Wilhelm Fink)

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Über den Autor

Funkenflug

Funkenflug

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