Hermann Hesse und der Humor
(oder: Über ironische und humoristische Dichtung)

Gemälde von Friedrich Schiller
Friedrich Schiller

Hesses Humor hat seinen Ursprung in Friedrich Schillers Aufsatz „Über naive und sentimentalische Dichtung“. Diesen Aufsatz schrieb Schiller 1795, als er in Jena wohnte und alleine war. Seine Zeitgenossen und ehemaligen Nachbarn Johann Gottlieb Fichte, Alexander von Humboldt und Friedrich Hölderlin waren bereits umgezogen und er führte Brief-Korrespondenzen und verfaßte verschiedene philosophische Gedichte. Im November veröffentlichte er in seiner Zeitschrift die Horen den Aufsatz „Über das Naive“, den wir heutzutage als „Über naive und sentimentalische Dichtung“ kennen. In diesem Aufsatz unterscheidet Schiller „naive“ und „sentimentalische“ Dichter: „Alle Dichter, die es wirklich sind, werden, je nachdem die Zeit beschaffen ist, in der sie blühen, oder zufällige Umstände auf ihre allgemeine Bildung und auf ihre vorübergehende Gemütsstimmung Einfluss haben, entweder zu den naiven oder zu den sentimentalischen gehören.“ Den naiven Dichter beschreibt Schiller so:

„Der Dichter einer naiven und geistreichen Jugendwelt, sowie derjenige, der in den Zeitaltern künstlicher Kultur ihm am nächsten kommt, ist streng und spröde, wie die jungfräuliche Diana in ihren Wäldern, ohne alle Vertraulichkeit entflieht er dem Herzen, das ihn sucht, dem Verlangen, das ihn umfassen will.
Die trockne Wahrheit, womit er den Gegenstand behandelt, scheint nicht selten als Unempfindlichkeit. Das Objekt besitzt ihn gänzlich, sein Herz liegt nicht wie ein schlechtes Metall gleich unter der Oberfläche, sondern will wie das Gold in der Tiefe gesucht sein. Wie die Gottheit hinter dem Weltgebäude, so steht er hinter seinem Werk, und das Werk ist er; man muss des ersten schon nicht wert oder nicht mächtig oder schon satt sein, um nach ihm nur zu fragen.“

Gegensätzlich beschreibt er dann die Welt des „sentimentalischen“ Dichters:

„Ganz anders verhält es sich mit dem sentimentalischen Dichter. Dieser reflektiert über den Eindruck, den die Gegenstände auf ihn machen, und nur auf jene Reflexion ist die Rührung gegründet, in die er selbst versetzt wird und uns versetzt. Der Gegenstand wird hier auf eine Idee bezogen, und nur auf dieser Beziehung beruht seine dichterische Kraft. Der sentimentalische Dichter hat es daher immer mit zwei streitenden Vorstellungen und Empfindungen, mit der Wirklichkeit als Grenze und mit seiner Idee als dem Unendlichen zu tun, und das gemischte Gefühl, das er erregt, wird immer von dieser doppelten Quelle zeugen.“

Büste von Homer

Also nach Schiller sei der naive Dichter der antike Dichter, z.B. Homer, er sei Natur, lebe in einer Welt, in der der Mensch Teil der Natur sei. Der sentimentalische Dichter sei der moderne Dichter, z.B. Shakespeare, er suche die Natur, er lebe in einer Welt, in der der Mensch von der Natur entfremdet sei.

Auf dieser Dichtomie, also auf den Dichotomien von Welt und Natur, von Unschuld und Entfremdung, bilden sich so Schiller drei verschiedene Arten der Literatur. Wenn das Bild des Idealen so stark sei, daß die Realität ganz im Hintergrund bleibe, sei die Art die Elegische. Wenn die Realität allerdings so stark sei, daß das Ideal verdunkelt wird, herrsche dann ein satirischer Ton. Und wenn die Realität und das Ideal sich vereinigen, sei das Idyll vorhanden. Diese drei Arten der Literatur befinden sich in Hesses Dichtung sowie in seiner Prosa durchaus.

Ein elegischer Ton ist besonders stark in Hesses Gedichten und in jenen Prosastücken, in denen Hesse sich an seine Kindheit erinnert. In seinem Gedicht „Elegie im September“ verwendet Hesse Bilder aus der Natur, um den Gefühlen des vergangenen Sommers eine feste Form zu verleihen: „Nur der wärmende Wein und bei Tafel der lachende Apfel/Wird noch vom Sommer und Glanz sonniger Tage erglühn.“ Am wichtigsten in diesem Gedicht sind Hesses Gedanken an den Sommer, außer in den ersten Strophen wird der kommende Herbst kaum erwähnt, auch wenn das Gedicht September 1913 geschrieben worden ist und das Wort „September“ sich im Titel befindet. Das Ideal des Sommers ist so ausführlich bezeichnet, daß die Realität des Herbstes kaum einen Platz im Gedicht hat.

Noch weitere Beispiele von Hesses elegischem Ton findet man in seiner Prosa. 1907/8 schrieb er die Erzählung „Berthold“, die Fragment geblieben ist. Die Geschichte handelt von einem Jungen, Berthold, der in einem kleinen Dorf aufwuchs und als Student in Köln einen Freund ermordet. Wie alle Erzählungen Hesses, enthält diese viele Elemente aus Hesses eigenem Leben, sie ist also teilweise autobiographisch. Einige von diesen Zeilen könnten in einer konventionellen Selbstbiografie Hesses verwendet werden:

„Da lag im grünen Flußtal die Stadt“
„Mitten durch das Städtlein rann der schmale, schnelle Fluß.“
„Betäubt und glühend kam Berthold spät nach Hause. Der Vater war in Furcht um ihn gewesen und empfing ihn mit liebevollem Schelten.“
„An den meisten Tagen ließ er sich unbefangen treiben und beging seine Streiche, wie jeder Knabe die seinen begeht.“

Doch im Vergleich zu anderen autobiographischen Werken wie z.B. Demian und Rosshalde findet dieses Buch nicht z.Z. Hesses Kindzeit statt, also nah am Ende des neunzehnten Jahrhunderts, sondern kurz vor dem Anfang des Dreißigjährigen Krieges! Auch in diesem Beispiel findet der Leser eine elegische Wirkung: Elemente aus Hesses Kindheit werden mit anderen Details aus einer unschuldigen Zeit gemischt, die echte Realität des Fin de siècles ist unterdrückt. Komische Szenen in der Erzählung, als Berthold z.B. glaubt, daß er beim Raufen einen anderen Jungen getötet hätte, und deswegen von zuhause wegläuft, zwingen auch den Leser dazu, sich nach einer vergangenen Welt zu sehnen.

Hermann Hesse

Vor allem sind Der Steppenwolf und verschiedene kritische Aufsätze satirisch geschrieben, also die Werke, in denen Hesse sich mit den falschen Werten der Gegenwart auseinandersetzt. Am Anfang ist Der Steppenwolf, wie die früher geschriebenen Romane Demian und Siddhartha, ganz ohne Humor. Ein Kaufmann beschreibt kühl wie ein Landstreicher im Haus seiner Tante empfangen wird, und dieser „Steppenwolf“ treibt sich melancholisch durch die Straßen. Aber in kurzer Zeit entwickelt sich ein scharfer Humor, der die Mißachtung des Ideals attackiert. Harry Haller verspottet z.B. eine Radierung von Goethe, die an der Wand in einem bürgerlichen Haus hängt:

„‚Hoffen wir‘, sagte ich, ‚daß Goethe nicht wirklich so ausgesehen hat! Diese Eitelkeit und edle Pose, diese mit den verehrten Anwesenden liebäugelnde Würde und unter der männlichen Oberfläche diese Welt von holdester Sentimentalität! Man kann ja gewiß viel gegen ihn haben, auch ich habe oft viel gegen den alten Wichtigtuer, aber ihn so darzustellen, nein, das geht doch zu weit.'“

In dieser Szene ist die Realität des gutbürgerlichen Hauses, des fein gezeichneten Bildes, so stark geworden, und das Ideal des echten Goethe so im Hintergrund begrenzt, daß der Text sich in eine satirische Form verwandelt. Besonders merkwürdig ist die direkte Verwendung des Wortes „Sentimentalität“. Daß Hesse diese Szene ohne einen absichtlichen Verweis auf Schillers Aufsatz skizzierte, ist kaum möglich.

Auch in seinen Essays kehrt Hesse zu einer satirischen Ausdrucksweise zurück. September 1925 unternahm Hesse eine Lesereise nach Deutschland, mit Aufenthalten in Ulm, Augsburg, München und Nürnberg. Diese Reise war Hesse eine Qual, und produzierte 1926 seinen Aufsatz „Die Nürnberger Reise“. In diesem Stück erinnert sich Hesse an keinen von den höflichen Verehrern, mit denen er konfrontiert wurde, sondern an Figuren aus seinen eigenen Schriften:

„Mein alter Freund Pistorius, den ich seit Jahren kaum mehr gesehen hatte, tauchte auf und hatte sich inzwischen nicht weniger gehäutet und gewandelt als ich, dankbar ging ich wieder mit ihm durch seine dunkel glühende, von heiligen Symbolen erfüllte Seelenwelt und zeigte ihm, was inzwischen aus mir und aus den Keimen geworden war, über denen wir einst gebrütet. Auch Louis der Grausame erschien eines Tages, flüchtig, mit der Reisetasche in der Hand, nur für Stunden zu halten. Er wollte nach den Balearen reisen und dort malen, lud mich sehr ein, Mitzukommen, ich habe seitdem nichts mehr von ihm gehört.“

Während seiner Reise mußte Hesse die Realität der modernen Stadtexistenz erleben, die ganz anders als sein Ideal im Tessin war, woran er schon gewöhnt war.

Seltener findet man Beispiele des Idylls in Hesses Schriften: am Ende des Siddhartha, in Der Steppenwolf, Die Morgenlandfahrt und Das Glasperlenspiel, und in dem entsprechenden Gedicht „Stunden im Garten“. Jedes Mal ist eine Synthese von der Realität und dem Ideal vorhanden: die scherzhafte Manipulation von der Realität im magischen Theater, die Absorption des Erzählers in den Körper Leos und die (knappe) Umsiedlung Josef Knechts aus Castalia in die Welt, um Tito zu lehren. Diese Strophen aus „Stunden im Garten“ sind amüsant und tröstlich zugleich:

„Horch, da weckt mich, nachdem eine Stunde,
nachdem eine kleine
Ewigkeit sanft mich gewiegt, eine frische Stimme.
Vom Hause
Ruft mir, von Stadt und Einkauf zurückgekommen,
die Gattin,
Und ich rufe zurück und erhebe mich“

Der Humor spielt eine wichtige Rolle in Hermann Hesses Schriften. Er trägt zu seinen kritischen Bemerkungen bei, und jede Art von Humor hat ihre eigene bestimmte Relevanz. In seiner Verwendung des Humors ist Hesse auf einer Bahn, die mit Schiller anfängt.

Autor:in

Rich

hhesse.de's USA-Korrespondent und Mitglied seit der ersten Stunde. Wenn er nicht gerade hier ist, findet ihr ihn auf Facebook oder Instagram.

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