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Dies ist der ganze Nachlass von Fels, der seinen Account gelöschthat,

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und sich kurzer Hand vorgenommen hat, frei nach mahatma Gandhi, solange nichts zu essen, bis der Streit im Forum beendet ist. Er gedenkt, bis zu 40 Tagen durchhalten zu können. (Hört bloß nicht auf, er muß doch abnehmen!)

Titel:
Sonntag, der 22.08.1941 und 1999,

der Samstag davor, dann der 23.08.1933 und in sechzig Jahren danach


Mein Großvater sagte,
ihm werden sie nichts tun,
aber die Frauen mit den Kindern gehen besser weg,
raus aus der Stadt, denn sie werden bald kommen.

Er war sicher, ihm wird nichts geschehen:
„Wir sind einfache Leute, ich weiß,
wie man mit Ihnen redet,
sie werden die Männer in Ruhe lassen.“

Wir folgten seinen Rat und wir verließen die Stadt.
Am Nachmittag haben wir Schüsse gehört,
aber wir wußten nicht, was sie bedeuten.
Auf dem Weg zurück trafen wir auf Bauern:

„Ihr könnt in eure Städte zurückkehren,
sie sind weg, sie haben alle erschossen.“ – sagten sie uns.
Wir gingen nach Hause, da war niemand.
Wir gingen zu Großvater, auch sein Haus stand leer.

Wir haben unser Sabbatkleid angezogen,
denn es war Samstag. Meine Tochter sagte:
wozu ziehen wir unser Sabbatkleid an Mutter,
sie werden uns alle erschießen.

Wir gingen zu den Nachbarn und suchten vergebens.
Wir suchten weiter und wir haben sie am Markt gefunden.
Alle waren Tot, es war ein hoher Haufen blutender Körper...
Die oben lagen, konnte man erkennen, aber die anderen nicht.

Sie lagen alle so übereinander, ohne Kleider, ganz nackt.
Die Soldaten kamen zurück, und ließen die toten aufladen.
mehr als sechshundert Männer: mein Mann, mein Großvater,
vier Söhne meiner Schwester, mein Onkel und sein Sohn...

Als die Frauen die Männer alle auf Lastwagen gelegt haben,
mußten sie selbst hochsteigen, ich auch,
und sie fuhren uns an den Stadtrand.
Wir hatten alle die Kinder bei uns.

Wir hörten Schüsse und als wir abstiegen, sahen wir Männer und Frauen
am Rande einer großen Panzergrube, die nach den Schüssen
der Reihe nach gefallen sind. Mein Kind wurde mir aus den Armen
gerissen. Mutter hat gebetet und Vater wollte sich nicht ausziehen.

Er wollte in der Unterwäsche fallen. Dann haben sie mein Kind erschossen.
Alle sagten gehe du erst, damit du es schneller hinter dir hast,
jeder wollte den anderen vorlassen. Sie töteten meine Eltern,
dann erschossen sie mich. Ich stand da, und fiel nicht.

Dem Soldat war die Munition ausgegangen. Er hat neu geladen
und erschoß mich. Ich viel in die Grube. Ich erinnerte mich an die Worte:
„Sie haben die Männer am Markt zusammen getrieben, sie zwangen sie
sich nackt auszuziehen und sich auf die schon toten zu legen,... Kopfschuß.“

Ich war nicht tot, aber ich hatte eine schwere Kopfverletzung.
Bei der Erschießung haben jeweils zwei Soldaten an eine Person
gezielt, sie haben immer abgezählt, wer auf wen schießt,
die Menschen waren je zu fünft an den Rand gestellt.

Ich kroch nach oben, aber es vielen immer wieder Körper auf mich,
ich wurde erdrückt, und erstickt, ich krabbelte nach oben und
hatte dabei das Gefühl, daß sie mich mit Ihren Armen und Beinen
zurückziehen und nicht nach oben lassen, an die Luft.

Ich kroch die ganze Nacht. Es wurde schon hell, als ich oben,
raus aus der Grube, am Rand angekommen bin.
Ich versuchte aufzustehen und ging in das Feld.
Das Feld war voll von Kinder, sie haben geweint und geschrien.

Ich setzte mich zu ihnen und wollte doch nicht mehr leben.
Sie sollen mich noch einmal erschießen, ich bleibe hier.
Die Exekution ging weiter, da sie am Samstag nicht fertig geworden sind.
Dann gab es einige Stunden Feuerpause, als wüßten sie nicht,

was sie mit den ganzen Kindern machen sollten.
Ein Offizier hat vorgeschlagen, sie von Ukrainer erschießen zu lassen.
Sie standen in einer kleinen Gruppe in der Nähe und verfolgten zitternd
das Geschehen. Gegen mittag fingen sie dann an die Kinder am

Rand der Grube aufzustellen. Ein Soldat sagte, sie hätten direkt mit den Frauen und Männern erledigt werden müssen... Sie waren mehr als vierhundert.
Es schien nicht abgesprochen gewesen zu sein, wo die Schützen
die Kinder treffen sollten. Sie wurden getroffen und sie fielen in die Grube.
Viele Waffen haben die Holländer in Kosovo einsammeln können,
die russische UNO-Truppen sind zum Teil doch umgekehrt,
da die Albaner sie am „Einmarsch“ hinderten,
sie warfen ihnen vor: Söldner der Serben zu sein.
Bundeskanzler Schröder macht sich auf den Weg nach Berlin,
ab Morgen wird Deutschland von hieraus regiert. Daß dies auf den Tag genau, taktlos, auf den Tag des Nichtangriffspaktes fällt (23.08.1933),
scheint keinen zu stören und fällt nicht mal den Medien auf.

Das war damals ein Tag mit weitreichender Folgen, ein besonders wichtiger
Tag in der Geschichte Deutschlands, Rußlands und der Menschheit.
Dieter Zurwehme ist gefaßt, er hatte Ausgang aus dem Gefängnis
und unweit von der berühmten Brücke, ermordete vier Menschen in Remagen,
während wir Schach gespielt haben, in dem selben Haus, der Familie Schröder.
Er erbeutete 8.000 Mark und konnte für Monate untertauchen,
wobei er zwei Frauen und einen weiteren Mann anfiel, die Polizei tötete
den falschen und er versetzte das Land in Angst und schrecken, er allein.

Vor genau zehn Jahren mußte die Deutsche Botschaft in Prag
geschlossen werden, da hundert DDR Bürger die Ausreisegenehmigung
zu erzwingen versuchten. Vierhundert gelang die Flucht durch Ungarn nach
Österreich, wobei, bei einer Handgemenge jemand erschossen worden ist.
Der Bundeskanzler wird Morgen, diesen Montag Berlins für geschichtlich
besonders bedeutend erklären und wird Frankreich und Rußland danken,
Polen, Tschechen und Ungarn werden nicht erwähnt, weiterhin kein Solidarnoschtch, nur Glasnostj und Peristroika, eben Wirtschaftsaufstieg.

Die Nationen gehen weiter ihren egoistischen Eigenweg,
und bringen es nicht fertig eine Leitzentrale zu errichten, und beim Helfen,
in dem von Erdbeben heimgesuchten Katastrophengebiet der Türkei,
zusammen zu arbeiten, eher hindern sie sich gegenseitig.
Anstatt eine Truppe mehrerer Nationen gleichzeitig nach Kosovo zu senden,
wird das Land in deutsches, holländisches und Russisches Zeitgebiet aufgeteilt,
und man sieht eine Lösung, gegen die Hausbrände und Haß zwischen
Albaner und Serben, im Auffinden von Kriegsverbrechern,

was kaum geht, Abkommen Helsinki, denn:
„Es gibt keine Zeugen, es sind ja alle tot...“
wie der „Brückenbauer“ Bubis in seinem, unerwartet von einem Juden,
geschändeten Grab im israelischen Tel Aviv.

Am Montag, den 23.08.1999 Vereinbart Rußland und China einen geheimen Nichtangriffspakt, und sie nennen es: „Verstärkter Gemeinsamer Grenzschutz“ gegen das Untermauern des Staatssouveränitäts durch rechtsextremer Islamisten.





Leserkommentare:

Bettina schrieb:
Hi, Fels,
immer wieder verstehst du es, über die Geschichte des 20.Jh.s Gedichte zu schreiben, die in ihrer Unheimlichkeit unter die Haut gehen.. Natürlich hat man Filme gesehen und Berichte gelesen über Erschießungen bei der "rassischen Säuberung" der eroberten Gebiete durch die Nazis, aber wie du das beschreibst, das vergisst man nicht..Dass ist persönliche, tradierte Familiengeschichte, die internalisiert worden ist..
Dann machst du verschiedene Schlenker zu anderen Daten, um zu zeigen, dass es irgendwo einen unbekannten Zusammenhang geben muss, der dir peinlich erscheint,weil niemand etwas aus der Geschichte lernen will..Aus deinem Text kann man lernen, dass der Mensch nach wie vor des Menschen größter Feind ist und dass das Vergessen nicht hilft, die Schatten der Vergangenheit tauchen immer wieder auf!! Was also tun?
Mit dieser wichtigen Frage lässt du den Leser allein, aus gutem Grund..Rezepte sind deine Sache nicht, da muss schon jeder selbst wissen, wie er mit der Vergangenheit und Gegenwart umgeht.. lg Bettina

Fels schrieb:
Danke, Du bist lieb!

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Autor:in

Peter Simon

Peter Simon

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